Was Katrina uns lehrt

Dieses Thema im Forum "Ihre Meinung zu Artikeln auf pcwelt.de" wurde erstellt von Phil o'Soph, 14. September 2005.

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  1. Phil o'Soph

    Phil o'Soph Kbyte

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    335
    Ich erinnere mich bei diesem Thema an einen globalen Konzern. Im "Geiz-ist-geil"-Wahn wurde in den verschiedenen Ländern die IT massiv eingestampft. Zum Schluss blieben für Deutschland beispielsweise nur 2 Administratoren für 150 Leute übrig, deren vornehmliche Aufgabe darin besteht, PCs am Arbeitsplatz zu warten und Passwörter zurückzusetzen. Keine richtigen Server-Admins, sondern Hardwareschrauber die auch Eingabemasken bedienen können (was keine Abwertung sein soll, die Jungs sind über sich hinaus gewachsen!). Alles andere, das Anlegen von Nutzerkonten, einspielen von Backups und dergleichen wurde von der Konzernzentrale oder einem externen Dienstleister geleistet.

    Die Konsequenz waren erhebliche Verzögerungen im Tagesablauf. Teilweise dauerte das Einrichten von neuen Benutzern eine ganze Arbeitswoche, was besonders dann lästig ist, wenn in einer Abteilung Not am Mann ist und kurzfirstig jemand eingestellt bzw. eine Zeitarbeitskraft eingesetzt wurde. In der Konsequenz "horteten" einige Abteilungen entgegen jeder Sicherheitsrichtlinie Nutzerkonten. Nutzer wurden, nachdem sie das Unternehmen verlassen haben, nicht abgemeldet und die Login-Daten irgendwo notiert und ggfs. weitergereicht.

    Bei einem Ausfall der Standverbindung zur Konzernzetntrale funktionierte nur noch SAP. Das lokale Intranet war genauso gestört wie die Gruppenverzeichnisse, obwohl diese auf lokalen Servern vorhanden waren. Wegen der Sicherheit (wir hatten ja keine richtigen Admins mehr, die sich um die Server kümmerten, wurden sämtliche Anfragen über die Konzernzentrale geroutet. Es konnten nur diejenigen arbeiten, die ihre wichtigen Daten, ebenfalls entgegen jede Sicherheitsrichtlinie, auf dem Laufwerk C:\ speicherten ...

    Da hat jemand das Motto "Herr über 50.000 Rechner weltweit" gründlich missverstanden. Eine zentrale Steuerung ist ja nicht schlecht, aber die Hardware sollte immer auch lokal und somit dezentral verfügabr sein, sodass vor Ort jederzeit die Kontrolle über das lokale Netz übernommen werden kann. Wenn mal ein Hurrikan über die Zentrale herfegt oder auch nur die Kommunikationsverbindung längere Zeit ausfällt, das kann richtig teuer werden.

    Phil o’Soph
     
  2. RaBerti1

    RaBerti1 Viertel Gigabyte

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    Also her mit Datensicherungs-SW

    Acronis True Image war da schon goldrichtig. Nun fehlen nur noch die Möglichkeiten, die Daten auch irgendwo zu lassen. Man will ja keine 40GB auf CDs auslagern, gell?

    Externe USB-HD? Oder doch lieber DVD-Brenner?

    (Wobei ich die Sicherungs-SW immer noch für wichtiger halte als Antiviren-SW)

    Kennt noch einer die QIC-80-Bandlaufwerke? Was wurde doch da für ein Gesummse um diese dusselige Software gemacht... Tztztz... Von den Bändern liegen hier noch ca. 10Stück rum und das LW funzt noch. Müßte ich eigentlich mal umsetzen auf CD.
    Aber schwupps waren die Dinger out, sobald die CD-Brenner erschwinglich genug geworden waren. So schnell kann das gehen. Hat da noch einer die Win-taugliche SW für mich? Notfalls müßte es ja auch unter Linux gehen, da hab ich keine Angst.

    MfG Raberti
     
  3. brzl

    brzl Halbes Megabyte

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    730
    Der Vergleich mit der Gartenlaube mit "organisch gewachsenen" Anbauten gefällt mir sehr. Ich wünsche mir schon seit Langem, dass man Software ebenso sehen könnte, wie Gebäude. Angesichts dieser abenteuerlichen Bidonvilles würde wohl manch einer IT vorsichtiger und verantwortungsvoller nutzen.
     
  4. consulting

    consulting Halbes Megabyte

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    Beiträge:
    602
    Die wichtigste Lehre aus "Katrina" dürfte wohl sein, sich niemals zurückzulehnen und sich notfalls auch aufzulehnen.

    Ray Nigan (BM von NO) fühlte sich "pissed", als die Hilfe nicht nur ausblieb oder nur tröpfelte, mit ihm erlebten wir, daß US-Soldaten die fast ausschließlich farbigen und völlig unterprivilegierten Bürger in Gefangenschaft schmoren ließen, so dass die gesellschaftlich übelsten Sedimente, die man mit hinzugepackt hatte, sich in Raub und Mord austoben konnten, aber Ray Nigan fühlte sich nicht "pissed", als die längst bekannten Gefahren heruntergespielt und längst bereitgestellte Mittel zur Dammsanierung drastisch gekürzt und für den Irakkrieg verpulvert wurden.

    Und die Bürger von New Orleans sowie der gesamten Region in Louisiana, Missouri und Missisippi, die ja auch TV und News aller Art hatten, verließen sich auf die "authorities" und fühlten sich keineswegs "pissed", als das längst Notwendige nicht geschah.

    Die wichtigste Lehre aus "Katrina" sollte sein, sich niemals auf andere zu verlassen und den eigenen Grips zu benutzen, das Notwendige zu ergründen, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen und niemals zu vernachlässigen. (Was nutzt zum Beispiel ein Backup, wenn es mit dem Original in einem Feuer untergeht? Was kostet ein Banksafe?)

    Ich war mehrmals in Florida und in anderen US-Staaten und habe mich über die Streichholzschachteln gewundert, die von den Amerikanern gemeinhin als "Häuser" bezeichnet werden. Als einem Freund die Bude wegflog und er mit Nachbarn den gewohnten Unsinn wieder aufleben lassen wollte, entwarf ein Sicherheitsingenieur ein Seilsystem, mit dem eine "Schachtel" an Bodenankern gesichert werden konnte. Dazu eine gemauerte und verankerte "Sicherheitszelle" für Bewohner. Mehrkosten USD 6.000 incl. Notaggregat. Alle lachten und faßten sich nur an den Kopf. Mein Freund zog die Idee aber durch, und als vor ein paar Jahren die ganze Nachbarschaft zerbrettert davon segelte, hielt seine Schachtel stand, knackte nur ein Strommast vom Nachbargrundstück auf seine Garage.

    Jetzt fühlten sich die Nachbarn "pissed", sparten beim Wiederaufbau aber trotzdem die Mehrkosten für eine Sicherung.

    "Katrina" lehrt, dass wir weitgehend unseren Verstand verloren haben und als "Konsumenten" von allem Möglichen auch darauf vertrauen, dass andere für uns denken und handeln und dass unsere gesamte Umgebung eine einmal erreichte Funktionalität auch verläßlich behält; dass darüber hinaus etwaige Gefahren mit etwas "Glück" schon an uns vorbei ziehen und allenfalls andere treffen werden. Das können wir uns dann im Fernsehen betrachten und uns freuen, das wir nicht betroffen sind.

    Hätten die Bürger in der Golfregion den "worst case" konsequent zu ihrem Denk- und Handlungsmaßstab gemacht und auch durchgehalten, wäre alles halb so schlimm verlaufen.
    Jetzt sollen die Stadt und die Regionen für 200 Md. USD durch Verschuldung aus Bundesmitteln "schöner als je zuvor" wieder "auferstehen".

    Das hätte man sich sparen können, wenn man auf einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verzichtet und zur Sicherung der Bevölkerung die Dämme gesichert hätte. "Katrina" lehrt, dass Solidarität von unten niemals durch eine scheindemokratische Administration von oben ersetzt werden kann, wenn der Mensch noch zählen soll.
    Ein wenig Geld und ein Auto reichten schon, sich zumindest der körperlichen Gefährdung zu entziehen. Doch jene, die kein Auto und kein Geld hatten, sich davon zu machen, hatten auch keinen Plan, Hunderte von Bussen in Eigenregie zu aktivieren, statt sie absaufen zu lassen, und ein AMTRAK mit allein 900 Sitzplätzen wurde leer aus dem Bahnhof in Sicherheit gebracht.

    "Katrina" lehrt nicht nur in datensicherungstechnischer Hinsicht, sondern vor allem in soziologischer. Das trifft jeden, auch hier in Deutschland.

    Meine persönlichen wichtigsten Daten und Scans aller wichtigen Dokumente liegen auf einem Server hoch über dem oberen Rheintal. Die Originale von Dokumenten sowie Backups von Systemen und Daten liegen in einem feuer- und wassersicheren Banksafe und werden wöchentlich ausgetauscht. Höchstwichtiges befindet sich auch auf einem 1GB-Stick, den ich mit einer Kette an meinen Hosengurt gesichert habe.

    Doch immer ruhig Blut. Alles, was weitere Kreise zunächst erschrecken mag, wird sich wieder legen und in Vergessenheit geraten.
    Man weiß ja, was am besten hilft: Augen zu und durch.
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    Gerade fand ich dieses aufschlußreiche Interview:
    http://zeus.zeit.de/text/2005/38/Interview_Sennet
     
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